Es gibt Momente im Leben, da zieht einem das Schicksal einfach den Boden unter den Füßen weg – und das nicht nur einmal. Nach den Erfahrungen mit einem Schlaganfall in der Vergangenheit glaubte ich eigentlich, mich so schnell nicht mehr aus der Bahn werfen zu lassen. Ich hatte mir Stück für Stück meine Selbstständigkeit zurück gekämpft. Wir hatten sogar ein spezielles E-Bike für mich besorgt – ein Rad, das mir nach meinem ersten Schlaganfall endlich wieder das Gefühl von Sicherheit und Freiheit gab. Doch der November 2025 lehrte mich etwas anderes.
Eigentlich fühlte ich mich schon vor dem Aufbruch überhaupt nicht gut. Mein Blutdruck schlug seit Stunden Saltos und mein Körper sendete mir deutliche Warnsignale. Aber ich wollte Alex eine Freude machen. Ich wollte, dass wir einen schönen gemeinsamen Tag haben. Also schluckte ich mein Unwohlsein herunter, sagte kein Wort über meinen Zustand und stieg ihm zuliebe auf das Rad. Ein fataler Fehler, wie sich wenig später herausstellen sollte.
Wir rollten stolz auf die Hauptstraße unseres Dorfes – und dann passierte es. Mitten im Fahren, auf offener Straße, gingen mir förmlich von einer Sekunde auf die andere die Lichter aus. Ohne Vorwarnung erlitt ich den zweiten Anfall und stürzte schwer auf den Asphalt.
Alex reagierte sofort, brachte mich irgendwie nach Hause und versuchte, mich zu beruhigen. Doch dort spitzte sich die Lage dramatisch zu: Mein Mund hing plötzlich schief, und ich war absolut nicht mehr ansprechbar. Stell dir vor, du bist in deinem eigenen Körper gefangen: Du willst reagieren, du willst sprechen, aber es geht nichts mehr. Alex und meine Familie mussten hilflos mitansehen, wie ich ihnen entglitt.
Mit dem Rettungswagen ging es auf dem schnellsten Weg ins Krankenhaus auf die Stroke Unit. Die Ungewissheit, die Todesangst um mich – all das lag in diesem Moment auf den Schultern meiner Familie. Ich selbst befand mich in einem tiefen Nebel. Was genau auf der Station passierte, welche Untersuchungen gemacht wurden und wie die Ärzte um Antworten rangen, habe ich selbst kaum wahrgenommen. In meinem Kopf herrschte Ausnahmezustand – zumal das Fieber tagelang nicht unter 40 Grad fiel und meinen Körper völlig auszehrte.
Die medizinische Rätseljagd
Später habe ich die Fakten im Entlassbericht schwarz auf weiß gelesen: Neben dem extrem hohen, hartnäckigen Fieber kämpfte ich mit Übelkeit und Erbrechen. Die Untersuchung ergab eine schwere Urosepsis – eine Blutvergiftung, ausgelöst durch Bakterien im Urin. Diese massive Infektion löste in meinem Gehirn epileptische Aktivität aus. Die Folge war ein komplex-partieller Anfall mit einer Aphasie, also dem plötzlichen Sprachverlust.
Die Symptome fühlten sich exakt an wie ein Schlaganfall und täuschten alle. Das MRT zeigte glücklicherweise keinen neuen akuten Hirninfarkt, aber der Körper war durch das tagelange hohe Fieber und die Infektion völlig am Ende. Dazu kamen noch die Schmerzen und Nachwirkungen des schweren Sturzes auf der Straße sowie Verengungen an den Halsschlagadern. Mein Körper hatte mir nicht nur Warnsignale gesendet – er hatte die Notbremse gezogen.
Der Kampf mit dem eigenen Dickkopf
Am 19. November geschah das, was wohl typisch für mich ist: Sobald ich wieder ein wenig klarer im Kopf war, wollte ich nur noch eines – raus. Nach Hause. Weg von Infusionen, Monitoren und Krankenhausgerüchen.
Die Ärzte redeten eindringlich auf mich ein. Sie erklärten mir, Alex und meinem Sohn die Risiken und warnten davor, die Station jetzt schon zu verlassen. Aber in diesem Moment war mein eigener Dickkopf stärker als jede Vernunft. Es ist eine Eigenschaft von mir, die mir manchmal im Weg steht und mich völlig irrational handeln lässt. Ich wollte meine Ruhe, meine vertraute Umgebung und die Kontrolle über mein Leben zurück. Ich entließ mich gegen den expliziten ärztlichen Rat.
Über Enttäuschungen, Fahrverbote und den eigenen Weg
Die Ärzte sprachen ein 12-monatiges Fahrverbot aus. Für viele Menschen wäre das ein massiver Schlag für die Eigenständigkeit gewesen. Für mich spielte es ehrlich gesagt keine große Rolle: Seit meinem Sprunggelenksbruch vor einigen Jahren saß ich ohnehin nicht mehr selbst am Steuer. Alex hat mich seitdem immer überall hingefahren. Er ist mein Fels in der Brandung.
Als ich die Haustür hinter mir schloss, war die Welt für mich scheinbar erst einmal wieder in Ordnung. Ich war daheim. Doch die Realität holte mich rasch ein: Die Probleme mit meiner linken Hand und meinem linken Bein waren geblieben. Die Schwäche im Körper erinnerte mich jeden Tag daran, dass nichts mehr so war wie vorher.
Warum ich dir das erzähle? Weil zur Wahrheit auch gehört, dass man nicht immer klug oder vernünftig handelt, wenn man kämpft – weder vor dem Anfall aus falscher Rücksichtnahme noch danach aus Sturheit. Ich weiß, dass noch ein weiter Weg vor mir liegt und dass meine Hand und mein Bein viel Geduld brauchen. Aber ich bin und bleibe eine Kämpferin. Ich stehe wieder auf – egal, wie oft ich ins Straucheln gerate.








